- Im Januar 2024 überwies ein Mitarbeiter von Arup in Hongkong in 15 Überweisungen rund 200 Millionen Hongkong-Dollar (etwa 25 Millionen US-Dollar), nachdem er an einem Videocall teilgenommen hatte, in dem alle anderen Teilnehmer Deepfakes waren.
- Laut Bitkom-Studie Wirtschaftsschutz 2026 (veröffentlicht am 26. August 2026) hat sich der Anteil der Unternehmen mit Deepfake-Schäden von 4 auf 8 Prozent verdoppelt.
- Erkennen per Gehör oder Blick funktioniert nicht zuverlässig: In einer Studie mit 529 Teilnehmenden erkannten Menschen Audio-Deepfakes nur in 73 Prozent der Fälle richtig, und das beste Erkennungsmodell der Deepfake Detection Challenge 2020 kam laut BSI auf 65,18 Prozent.
- Wirksam ist der Prozess: Rückruf über eine bekannte Nummer, Bestätigung über einen zweiten Kanal, Vier-Augen-Prinzip mit Betragsgrenzen und Bankdatenänderungen sowie Passwort-Resets nur über einen festen Ablauf.
- Prüfe vor dem Ernstfall deine Police: Viele Cyberversicherungen decken eine von Mitarbeitenden freigegebene Überweisung nach Täuschung nur mit Sublimit oder gar nicht.
Ein Anruf von der Geschäftsführung, die Stimme stimmt, der Tonfall stimmt, und es geht um eine Überweisung, die heute noch raus muss. Oder du sitzt im Videocall mit dem Finanzvorstand und zwei Kollegen, alle sehen aus wie immer. Beides lässt sich heute fälschen, und genau deshalb reicht „das hat sich echt angehört“ als Prüfung nicht mehr aus.
Dieser Artikel behandelt nur den Teil, der bei Stimme und Video neu ist: den Verifikationsprozess. Den Ablauf des klassischen CEO-Fraud per E-Mail und die technischen Schutzmaßnahmen gegen gefälschte Absender (Business E-Mail Compromise) findest du in den beiden Artikeln dazu, hier wiederholen wir sie nicht.
Welche Deepfake-Szenarien gibt es im Unternehmen?
Ein Deepfake ist eine mit KI erzeugte oder veränderte Audio- oder Videoaufnahme, die eine reale Person täuschend echt nachbildet. Beim Voice Cloning (Stimmklonen) wird dafür aus Sprachproben ein Modell der Stimme trainiert, das beliebige Sätze in dieser Stimme sprechen kann. Für den Betrug im Unternehmen haben sich fünf Szenarien herausgebildet, und sie treffen jeweils eine andere Abteilung.
Der Anruf vom Chef. Eine geklonte Stimme ruft in der Buchhaltung oder bei der Assistenz an, meist mit unterdrückter oder gefälschter Rufnummer, und verlangt eine dringende, vertrauliche Zahlung. Das BSI beschreibt genau dieses Muster: Ein Angreifer ruft eine Person mit der Stimme ihrer Führungskraft an, um eine Geldtransaktion auszulösen.
Der Videocall mit mehreren Beteiligten. Das bekannteste Beispiel ist Arup. Ein Mitarbeiter der Finanzabteilung in Hongkong erhielt im Januar 2024 zunächst eine E-Mail, die angeblich vom CFO in Großbritannien kam, und blieb skeptisch. Dann folgte ein Videocall, in dem der vermeintliche CFO und weitere bekannte Kollegen auftraten. Alle Teilnehmer außer dem Opfer waren Fälschungen. Der Mitarbeiter führte 15 Überweisungen über umgerechnet rund 25 Millionen US-Dollar auf fünf Konten aus. Die Polizei in Hongkong bekam die Meldung am 29. Januar 2024, Arup bestätigte den Fall im Mai 2024 gegenüber der Presse und erklärte, es seien gefälschte Stimmen und Bilder eingesetzt worden. Interne Systeme waren nicht kompromittiert. Der Angriff lief allein über den Menschen.
Die Sprachnachricht im Messenger. Eine kurze Voice-Message per WhatsApp oder Teams, die nach der Chefin klingt: „Ich bin im Termin, kannst du bitte schnell die Gutscheinkarten besorgen?“ Sie ist billig herzustellen, braucht keine Echtzeit und lässt dem Opfer wenig Anlass, Rückfragen zu stellen.
Der Anruf beim IT-Helpdesk. Eine geklonte Mitarbeiterstimme verlangt ein Passwort-Reset oder das Zurücksetzen des zweiten Faktors, etwa weil das Handy „gerade kaputtgegangen“ sei. Hier geht es nicht um Geld, sondern um den Zugang, der danach für Datendiebstahl oder Ransomware genutzt wird.
Der Anruf beim Lieferanten oder Kunden. Die Täuschung läuft in die andere Richtung: Jemand ruft im Namen deines Unternehmens beim Lieferanten an und lässt Zahlungsdaten ändern oder Ware umleiten.
Wie verbreitet ist das?
Die Bitkom-Studie Wirtschaftsschutz 2026 (26. August 2026, 1.003 befragte Unternehmen, Befragungszeitraum Kalenderwoche 16 bis 23) nennt für Deepfakes einen Anstieg der Schadensfälle von 4 auf 8 Prozent. Nach der Berichterstattung zur Studie bezieht sich der Wert auf Unternehmen, die von Angriffen betroffen waren. Außerdem gehen 82 Prozent der Unternehmen davon aus, dass Angreifer verstärkt KI einsetzen. Es ist also kein Massenphänomen, aber die Zahl hat sich in einem Jahr verdoppelt, und die Einzelschäden können hoch sein.
Warum scheitert die Erkennung von Deepfakes?
Die naheliegende Idee lautet, Mitarbeitende zu schulen, damit sie Fälschungen am Klang oder an Bildfehlern erkennen. Das ist als Ergänzung nett, als Hauptverteidigung aber zu schwach, und dafür gibt es Zahlen.
Menschen hören den Unterschied nicht zuverlässig. In einer Studie aus dem Jahr 2023 mit 529 Teilnehmenden (Englisch und Mandarin) beurteilten die Probanden Audioaufnahmen in 73 Prozent der Fälle richtig als echt oder gefälscht. Das heißt, gut jede vierte Beurteilung lag daneben. Die Autoren berichten außerdem, dass vorab vorgespielte Beispiele die Trefferquote nur geringfügig verbesserten. Und das war eine ruhige Laborsituation, ohne Zeitdruck und ohne den Chef am anderen Ende.
Automatische Detektoren generalisieren schlecht. Das BSI nennt als zentrale Schwäche von Erkennungsverfahren ihre mangelhafte Generalisierbarkeit: Ein Modell, das auf bekannte Fälschungsmethoden trainiert wurde, erkennt neue Methoden schlechter. Bei der Deepfake Detection Challenge 2020 erreichte selbst das beste Modell im Mittel nur 65,18 Prozent Genauigkeit. Detektionswerkzeuge sind inzwischen besser geworden, aber du kannst dich im Alltag nicht darauf verlassen, dass in der Telefonanlage oder im Meeting-Tool eine verlässliche Fälschungserkennung mitläuft.
Die Eintrittshürde sinkt. Das BSI schreibt, dass für Face-Swapping nur wenige Minuten Videomaterial nötig sind und dass solche Verfahren teilweise mit geringem Zeitversatz in Echtzeit arbeiten. Für Stimmen ist für hohe Qualität klassisch Audiomaterial von mehreren Stunden nötig. Neuere Ansätze kommen mit wenigen Sekunden aus, allerdings zulasten der Qualität. Das reicht für einen kurzen Anruf, bei dem das Opfer unter Druck steht und die Leitung ohnehin schlecht ist. Webinar-Auftritte, Messevideos, Podcasts und Interviews liefern das Material frei Haus.
Die Täuschung hängt am Kontext, nicht an der Qualität. In Hongkong überzeugte nicht die perfekte Bildqualität, sondern das Setting: mehrere vertraute Gesichter, eine vertrauliche Sache, ein Mitarbeiter, der keinen Ärger will. Das nutzt die gleichen Hebel wie jede andere Form von Social Engineering: Autorität, Dringlichkeit, Vertraulichkeit, Einschüchterung bei Nachfragen.
Daraus folgt eine klare Linie für dein Konzept. Erkennen ist eine Bonusschicht. Die tragende Schicht ist ein Prozess, der nicht davon abhängt, ob jemand die Fälschung bemerkt.
Welche Verifikationsregeln wirken wirklich?
Alle folgenden Regeln haben eine Gemeinsamkeit: Sie prüfen nicht, ob die Stimme oder das Gesicht echt wirkt, sondern ob die Anweisung über einen Kanal bestätigt wird, den der Angreifer nicht kontrolliert. Wir gehen sie der Reihe nach durch, am Beispiel der Weber Maschinenbau GmbH (fiktiv, rund 100 Mitarbeitende, Buchhaltung mit drei Personen, ein IT-Helpdesk mit zwei).
Rückruf über eine bekannte Nummer
Die wichtigste Regel, und sie ist auch die Empfehlung der Polizeilichen Kriminalprävention: Im Zweifel auflegen und die Person über ihre normale, gespeicherte Telefonnummer zurückrufen. Für Betriebe nennt sie ausdrücklich interne Sicherheitscodes und Rückrufregeln.
Die Regel hat zwei Fallstricke, die du in der Arbeitsanweisung ausdrücklich nennst. Erstens: Nicht die Rückruftaste am Telefon drücken, denn die angezeigte Nummer lässt sich fälschen (Spoofing). Du wählst die Nummer aus dem Verzeichnis, dem Telefonbuch der Telefonanlage oder dem Kontakt, den du schon vorher angelegt hattest. Zweitens: Nicht die Nummer aus der E-Mail, der Kalendereinladung oder dem Chat verwenden, die der Anfragende dir nennt.
Und was ist, wenn der Chef nicht zu erreichen ist? Dann gilt die einfachste Regel des ganzen Konzepts: Nicht erreichbar heißt, die Zahlung wartet. Wer „heute noch“ verlangt und sich gleichzeitig unerreichbar macht, hat die Prüfung bereits verloren. Lege eine Vertretung fest, die ebenfalls verifizieren darf, damit der Prozess bei Urlaub und Dienstreisen nicht ausgehebelt wird.
Zweiter Kanal, den der Angreifer nicht kontrolliert
Ein Rückruf ist ein zweiter Kanal. Es geht aber allgemeiner um die Frage: Welcher Weg ist für die Gegenseite schwer zu erreichen? Ein Chat im Meeting-Tool ist nur dann ein zweiter Kanal, wenn das Konto nicht kompromittiert ist, und das kannst du nicht wissen. Ein Anruf auf der gespeicherten Mobilnummer ist robuster. Noch robuster ist ein persönliches Gespräch im Büro oder die Rückfrage bei einer dritten Person, die die Anweisung unabhängig bestätigen kann.
Wichtig ist ein Punkt, der in Hongkong den Unterschied gemacht hätte: Eine Bestätigung von jemandem, der im selben Gespräch sitzt, ist keine Verifikation. Im Arup-Fall saßen der vermeintliche CFO und die bekannten Kollegen gemeinsam im Call, und alle waren Fälschungen. Das Gegenüber im Gespräch kann nicht zugleich der Beleg für seine eigene Echtheit sein. Verifiziert wird immer außerhalb des Gesprächs, in dem die Anweisung kam.
Codewort und Rückfrage
Ein vereinbartes Codewort kann eine zusätzliche Hürde sein. Die Polizeiliche Kriminalprävention empfiehlt für Familien Codewörter für echte Notfälle, die eine KI nicht kennen kann, und der Gedanke lässt sich auf sehr dringliche Weisungen der Geschäftsführung übertragen. Damit es funktioniert, brauchst du ein paar Regeln:
- Das Wort wird persönlich vereinbart und nie per Mail oder Chat verschickt.
- Es steht nirgends, was ein Angreifer mit Zugriff auf Postfächer lesen könnte.
- Es wird regelmäßig gewechselt, mindestens bei jedem Personalwechsel im Kreis der Eingeweihten.
- Besser als ein festes Wort ist eine Frage mit einer Antwort, die nur beide kennen und die sich nicht aus öffentlichen Quellen ergibt, zum Beispiel etwas aus dem letzten gemeinsamen Termin.
Ein Codewort ist aber nur die zweite Linie. Es kann abfließen, vergessen werden oder unter Zwang genannt werden. Der Rückruf bleibt die erste.
Vier-Augen-Prinzip und Limits bei Zahlungen
Das Vier-Augen-Prinzip hilft nur, wenn die zweite Person unabhängig prüft. Wenn beide dem gleichen Anruf vertraut haben, hat sich der Betrug lediglich verdoppelt. Für die Weber Maschinenbau GmbH ergibt sich folgende Staffel als Beispiel, die du an deine Zahlungsvolumina anpasst:
- Bis 5.000 Euro: eine Freigabe im ERP-System, Zahlungsempfänger muss im Stammdatensatz bekannt sein.
- Von 5.000 bis 25.000 Euro: zwei Freigaben, beide mit dokumentiertem Blick auf den Auftrag (Bestellung, Vertrag, Rechnung).
- Ab 25.000 Euro oder an neue Empfänger: zusätzlich ein Rückruf bei der anweisenden Person über die bekannte Nummer, protokolliert im Beleg.
Zwei Details lohnen sich: Betrachte Beträge kumuliert pro Empfänger und Tag, denn in Hongkong waren es 15 Einzelüberweisungen und nicht eine große. Und setze auch im Online-Banking Tageslimits und eine zweite Zeichnungsberechtigung auf, damit die Technik die Regel stützt und nicht nur die Disziplin.
Änderungen von Bankdaten nur über den Prozess
Die Änderung der Bankverbindung eines Lieferanten ist der Klassiker, weil sie aus Sicht des Angreifers mit einer einzigen Aktion zu dauerhaftem Zahlungsfluss führt. Die Regel: Stammdatenänderungen werden nie aufgrund eines Anrufs, einer Mail oder eines Videocalls durchgeführt. Sie laufen über einen schriftlichen Änderungsauftrag, der vom Ansprechpartner des Lieferanten über eine bereits hinterlegte Telefonnummer bestätigt wird. Die Person, die die Änderung erfasst, und die Person, die sie freigibt, sind verschiedene. Das gilt auch dann, wenn die Anweisung von der Geschäftsführung kommt, denn auch deren Stimme kann geklont sein.
Helpdesk-Passwort-Resets
Der Helpdesk ist das Ziel, bei dem am wenigsten über Fälschungen nachgedacht wird, weil dort täglich Menschen anrufen, die sich nicht auskennen. Deshalb braucht er klare Regeln:
- Passwort-Resets laufen über Self-Service mit Multi-Faktor-Authentifizierung und nicht per Anruf. Wo das nicht geht, ruft der Helpdesk über die im Verzeichnis hinterlegte Nummer zurück.
- Das Zurücksetzen eines zweiten Faktors ist strenger als ein Passwort-Reset: nur mit persönlicher Vorlage am Arbeitsplatz oder mit Freigabe der Führungskraft über einen zweiten Kanal, immer mit Ticket.
- Privilegierte Konten (Administratoren, Finanzfreigabe) werden nie per Telefon zurückgesetzt, auch nicht für die Geschäftsführung.
- Der Helpdesk darf Nein sagen und wird dafür nicht gerügt. Das legt die Geschäftsführung schriftlich fest.
Weitere Formen der Identitätsprüfung
Langfristig könnten digitale Identitätsnachweise helfen, Personen kryptografisch zu verifizieren. Wie sich die EUDI-Wallet und eIDAS 2.0 dafür eignen, ist ein eigenes Thema. Für den Alltag im Oktober 2026 stützt du dich auf die genannten organisatorischen Regeln, denn sie funktionieren heute und kosten nichts außer Disziplin.
Anweisung, Risiko, Pflicht-Verifikation: Die Übersicht
Die folgende Tabelle ist als Aushang für Buchhaltung, Assistenz und Helpdesk gedacht. Sie legt fest, bei welcher Anweisung welche Prüfung Pflicht ist, unabhängig davon, wie echt die Person klingt oder aussieht.
| Anweisung | Risiko | Pflicht-Verifikation |
|---|---|---|
| Eilüberweisung ab Betragsgrenze, „vertraulich“, per Anruf, Sprachnachricht oder Videocall | Sehr hoch | Rückruf über bekannte Nummer, Zweitfreigabe im System, Vollzug nicht im selben Gespräch |
| Zahlung an neuen Empfänger oder Auslandskonto ohne Geschäftsbeziehung | Sehr hoch | Rückruf, Prüfung gegen Bestellung oder Vertrag, Freigabe durch Geschäftsführung |
| Änderung der Bankverbindung eines Lieferanten | Hoch | Schriftlicher Änderungsauftrag, Rückruf beim hinterlegten Ansprechpartner, getrennte Erfassung und Freigabe |
| Passwort-Reset oder Zurücksetzen des zweiten Faktors per Anruf | Hoch | Self-Service mit MFA oder Rückruf über Verzeichnisnummer, Ticket, bei zweitem Faktor Freigabe der Führungskraft |
| Herausgabe von Zugangsdaten, Codes oder Freigaben im Call | Sehr hoch | Nie telefonisch, nur über Ticket und Prozess |
| Herausgabe von Gehaltslisten, Personal- oder Kundendaten | Hoch | Anfrage im Ticketsystem, Freigabe durch Datenverantwortlichen |
| Installation von Software oder Fernwartung auf Zuruf | Hoch | Nur über Helpdesk-Ticket, Rückruf über bekannte Nummer |
| Kauf von Gutscheinkarten, Kryptowerten oder Vorkasse | Hoch | Grundsätzlich nicht über diesen Weg, Rückfrage bei der Geschäftsführung |
| „Ausnahmsweise am Prozess vorbei“ | Warnsignal | Allein Auslöser für Rückruf und Meldung an die Sicherheitsstelle |
Die letzte Zeile ist die wichtigste. Jede Bitte, den Prozess zu umgehen, ist ein Verdachtsmoment für sich, auch wenn der Rest der Anfrage harmlos wirkt.
Wie sicherst du Videocalls und Meetings ab?
Meetings sind der Ort, an dem Fälschungen am überzeugendsten wirken, weil mehrere Personen gleichzeitig Vertrauen aufbauen. Mit wenigen technischen und organisatorischen Regeln nimmst du dem Angriff den Boden.
- Einladungen nur über interne Kalendereinträge. Ein Meeting-Link, der per Chat oder von einem unbekannten Absender kommt, wird nicht angenommen. Bei kurzfristigen Terminen mit Finanzbezug rufst du vorher zurück.
- Wartebereich (Lobby) für externe und nicht angemeldete Teilnehmer. Der Organisator lässt nur Personen herein, die er kennt oder erwartet, und prüft die Teilnehmerliste auf Namen, Kontoart und Kennzeichnung als extern.
- Keine Zahlungsfreigaben und keine Zugangsdaten im Call. Freigaben laufen im ERP-System, Zugangsdaten im Ticket. Ein Meeting ist kein Freigabekanal.
- Unbekannte Teilnehmer ansprechen. Wer jemanden nicht kennt, fragt nach Rolle und Anlass, bevor das Gespräch zu Geld oder Zugängen kommt.
- Visuelle Tests mit Vorsicht. Du kannst die Person bitten, den Kopf seitlich zu drehen oder die Hand vor das Gesicht zu halten. Die Polizeiliche Kriminalprävention nennt als Hinweise auch nicht passende Lippenbewegungen oder ungewöhnliche Körperbewegungen. Solche Tests können Fälschungen entlarven, sind aber kein Beleg für Echtheit, denn die Verfahren werden besser. Ein bestandener Test ersetzt nie die Verifikation über den zweiten Kanal.
- Aufzeichnungen und KI-Notetaker kontrollieren. Meeting-Aufzeichnungen und automatische Transkripte enthalten genau das Stimm- und Videomaterial, das Angreifer brauchen. Lege fest, welche Aufzeichnungen erlaubt sind und wo sie liegen, und kläre nicht freigegebene Assistenten mit der Governance für Shadow AI und Copilot.
Öffentliches Material der Führung begrenzen
Ganz verhindern lässt sich das Klonen nicht, denn Auftritte auf Messen, in Podcasts und im Marketing gehören zum Geschäft. Du kannst aber bewusst entscheiden, wie viel Stimme und Video der Geschäftsführung dauerhaft öffentlich liegt, und die Führung darüber aufklären, dass sie ein bevorzugtes Ziel ist. Was das für den Ton der Schulung bedeutet, steht in unserem Artikel zur Security Awareness für Führungskräfte. Der Grundsatz lautet: Wer die eigene Stimme öffentlich macht, muss umso eindeutiger festlegen, dass Weisungen nur nach Verifikation gelten.
Wie schulst du das Team und übst den Ernstfall?
Eine Schulung zu Deepfakes, die nur zeigt, wie beeindruckend die Technik ist, bewirkt wenig. Eine Schulung, die ein einziges Verhalten einübt, bewirkt viel: Bei jeder Anweisung aus der Tabelle über den zweiten Kanal verifizieren, ohne sich dafür zu rechtfertigen.
Zielgruppen. Buchhaltung, Assistenz und Sekretariat, IT-Helpdesk und die Geschäftsführung selbst. Die Geschäftsführung gehört dazu, weil sie die Regel vorlebt und weil sie die Rückrufe auch entgegennehmen muss.
Format. Eine halbe Stunde reicht. Zeige ein bis zwei Beispiele von geklonten Stimmen, am besten mit der Stimme einer Person, die vorher eingewilligt hat. Das wirkt stärker als jede Folie. Dann spielst du den Rückruf durch: Wen rufst du an, unter welcher Nummer, was sagst du, was machst du, wenn niemand abnimmt?
Übung. Ein simulierter Anruf (Vishing) oder eine Sprachnachricht mit einer harmlosen Anweisung zeigt, ob der Prozess greift. Das Vorgehen ist das gleiche wie bei einer Phishing-Simulation: vorher abstimmen, wer informiert ist, nie bloßstellen, Ergebnisse als Lernmaterial nutzen. Wichtig sind außerdem Datenschutz und Mitbestimmung. Beziehe den Datenschutzbeauftragten und gegebenenfalls den Betriebsrat ein, bevor du Anrufe mit realen Personen simulierst und Stimmen klonst. Das ist keine Rechtsberatung, klär Zweifelsfälle mit deiner Rechtsabteilung oder Kanzlei.
Kennzahlen. Miss, wie oft verifiziert wird, nicht, wie oft jemand „reinfällt“. Sinnvoll sind der Anteil der Übungsanrufe mit korrektem Rückruf, die Zahl der Meldungen pro Quartal und die Zeit zwischen Anruf und Meldung.
Mit ISMS Lite legst du Zahlungs- und Helpdesk-Regeln als Richtlinie an, weist sie Gruppen wie Buchhaltung, Assistenz und Helpdesk mit Lesebestätigung zu und führst die Schulung samt Teilnehmern und Nachweisen im Schulungsmodul. Fällige Termine erscheinen im Dashboard unter Fristen und ToDos.
Wohin melden, wenn ein Anruf verdächtig ist?
Ein Verdacht ist erst dann wertvoll, wenn er schnell bei der richtigen Stelle ankommt. Der Meldeweg muss deshalb so einfach sein, dass niemand zögert.
- Eine Anlaufstelle. Eine feste interne Telefonnummer und eine Mailadresse für Sicherheitsmeldungen, die jeder auswendig kennt. Auch ein Verdacht, der sich als falscher Alarm herausstellt, ist eine gute Meldung.
- Keine Schuldzuweisung. Wer meldet, wird gelobt. Im Arup-Fall war der Mitarbeiter zunächst skeptisch, und genau dieser Zweifel braucht einen Prozess, der ihn stützt, statt ihn im Videocall auszuräumen.
- Was zu sichern ist. Rufnummer und Uhrzeit, ein Gesprächsvermerk oder eine Sprachnachricht (nicht löschen), bei Videocalls ein Screenshot der Teilnehmerliste und die Meeting-ID.
- Wenn schon bezahlt wurde. Sofort die Bank über die Geschäftskundenhotline anrufen und eine Rückholung (Recall) veranlassen, parallel die Polizei einschalten, dann die Versicherung informieren. Jede Stunde zählt, weil das Geld schnell weiterwandert. Der gesamte Ablauf steht im Artikel zum Erkennen, Bewerten und Melden von Sicherheitsvorfällen.
In ISMS Lite erfasst du den Fall als Vorfall mit Erkennung, Auswirkung, Zuständigkeiten und Timeline und leitest daraus Maßnahmen ab, etwa eine Anpassung der Zahlungslimits.
Zahlt die Cyberversicherung bei Deepfake-Betrug?
Das hängt vom Vertrag ab, und die Antwort fällt häufiger enttäuschend aus, als viele erwarten. Der Grund: Bei Deepfake-Betrug wird meist kein System gehackt. Ein Mitarbeiter gibt eine Zahlung selbst frei, getäuscht durch eine gefälschte Person. Klassische Cyberpolicen stellen auf Angriffe auf die IT ab, und Bausteine für Social Engineering sind oft mit niedrigen Sublimits versehen. Eine Vertrauensschadenversicherung kann solche Fälle dagegen einschließen, weil sie Vermögensschäden durch vorsätzliche Handlungen von innen und außen abdeckt. Das hängt jedoch an den konkreten Bedingungen, und Maklerangaben dazu sind kein Ersatz für den Blick in deinen Vertrag.
Prüfe vor dem Ernstfall, am besten gemeinsam mit dem Makler, diese Punkte:
- Ist Social Engineering oder Fake President in der Cyberpolice enthalten, und mit welcher Höchstsumme?
- Gilt das auch bei Stimmimitation und Deepfake-Videocalls?
- Ist eine freiwillig durch Mitarbeitende freigegebene Überweisung ausdrücklich gedeckt?
- Welche Voraussetzungen verlangt der Versicherer, etwa Vier-Augen-Prinzip oder Rückrufpflicht? Wer solche Obliegenheiten nicht einhält, riskiert die Leistung.
- Binnen welcher Frist musst du den Schaden melden?
- Brauchst du zusätzlich eine Vertrauensschadenversicherung?
Was Policen allgemein abdecken und worauf Versicherer achten, steht in unserem Artikel zur Cyber-Versicherung. Diese Regeln sind ein Hinweis, keine Rechtsberatung. Lass Zweifelsfälle von einem Makler oder einer Kanzlei klären. Mit einem dokumentierten Verifikationsprozess stehst du im Schadenfall besser da.
Checkliste: Verifikation gegen Deepfake- und Voice-Clone-Betrug
Regeln festlegen
- Verifikationsregel schriftlich verabschiedet: Anweisungen per Anruf, Sprachnachricht oder Video gelten erst nach Bestätigung über einen zweiten Kanal
- Rückruf-Pflicht über gespeicherte Nummer definiert, inklusive Vertretungsregelung bei Abwesenheit
- Zahlungslimits gestaffelt, kumuliert pro Empfänger und Tag betrachtet
- Vier-Augen-Prinzip mit unabhängiger Prüfung im ERP-System und im Online-Banking umgesetzt
- Änderung von Bankdaten nur über schriftlichen Änderungsauftrag mit Rückruf und getrennter Freigabe
- Nummernverzeichnis mit verifizierten Kontakten gepflegt (Geschäftsführung, Banken, wichtige Lieferanten)
Helpdesk und Zugänge
- Passwort-Resets per Self-Service mit MFA oder Rückruf über Verzeichnisnummer
- Zurücksetzen des zweiten Faktors nur mit Freigabe der Führungskraft und Ticket
- Privilegierte Konten nie telefonisch zurückgesetzt
- Helpdesk darf Anfragen ablehnen, schriftlich von der Geschäftsführung bestätigt
Meetings
- Einladungen nur über interne Kalendereinträge
- Wartebereich für Externe aktiviert, Teilnehmerlisten werden geprüft
- Keine Zahlungsfreigaben und keine Zugangsdaten in Calls
- Regeln für Aufzeichnungen und KI-Notetaker festgelegt
Schulung und Übung
- Zielgruppen geschult: Buchhaltung, Assistenz, Helpdesk, Geschäftsführung
- Rückruf einmal praktisch durchgespielt
- Übung mit simuliertem Anruf geplant, Datenschutz und Betriebsrat vorher eingebunden
- Kennzahlen festgelegt (Rückrufquote, Meldungen pro Quartal)
Meldeweg und Versicherung
- Eine Anlaufstelle für Verdachtsmeldungen bekannt gemacht
- Ablauf bei bereits ausgelöster Zahlung dokumentiert (Bank, Polizei, Versicherung, Reihenfolge und Nummern)
- Police auf Social Engineering, Deepfake und Sublimits geprüft
- Obliegenheiten der Versicherung im Prozess umgesetzt und nachweisbar
Häufige Fehler bei der Abwehr von Deepfake-Betrug
Auf Erkennung statt auf Prozess setzen. Mitarbeitende sollen Fälschungen am Klang oder an Bildfehlern erkennen. Mit 73 Prozent Trefferquote im Labor und wachsender Qualität ist das keine Verteidigung. Die Verifikation muss auch dann greifen, wenn jemand die Fälschung nicht bemerkt.
Die Rückrufnummer aus der Anfrage verwenden. Wer die Nummer nimmt, die ihm der Anrufer oder die Mail liefert, ruft den Angreifer an. Die Nummer kommt aus dem Verzeichnis oder dem Kontakt, nie aus der Anfrage.
Bestätigung im selben Call akzeptieren. „Der Finanzvorstand hat das gerade bestätigt“ ist wertlos, wenn es im selben Gespräch geschieht. Das war im Arup-Fall der Kern des Betrugs.
Die Geschäftsführung ausnehmen. Ausgerechnet die Person, deren Stimme geklont wird, ist oft von den Regeln ausgenommen, weil sie „keine Zeit hat“. Dann weiß jeder Angreifer, wo die Lücke ist. Die Regeln gelten für alle, und die Geschäftsführung muss Rückrufe annehmen.
Helpdesk und Lieferantenstammdaten vergessen. Der Fokus liegt auf der Buchhaltung, aber Passwort-Resets und Bankdatenänderungen haben die gleiche Wirkung. Wer nur die Überweisung absichert, verschiebt den Angriff auf die schwächere Stelle.
Die Police nicht gelesen haben. Viele merken erst im Schadenfall, dass Deepfake-Betrug nicht gedeckt oder nur minimal versichert ist. Frage vorher nach, nicht hinterher.
Fazit: Zahlungen und Zugänge brauchen eine Verifikation, die nicht von Stimme und Bild abhängt
Stimme und Gesicht sind keine Identitätsnachweise mehr. Wer ab sofort jede Anweisung mit Geld- oder Zugangsbezug über einen zweiten Kanal bestätigt, mit gestaffelten Limits, getrennter Freigabe und einem klaren Meldeweg, macht Deepfake-Betrug auch dann wirkungslos, wenn die Fälschung perfekt ist.
Der nächste Schritt für diese Woche: Hänge die Tabelle als Aushang in Buchhaltung und Helpdesk, trage die Nummern der Geschäftsführung ins Verzeichnis ein und frage deinen Makler, was die Police bei Deepfake-Betrug tatsächlich zahlt.
Weiterführende Artikel
- Social Engineering im Unternehmen: Methoden, Beispiele und Gegenmaßnahmen
- Sicherheitskultur aufbauen: Warum Technik allein nicht reicht
- Security Awareness Programm aufbauen: Was Mitarbeiter wirklich wissen müssen
- Tabletop-Übung planen und durchführen: So testest du deinen Notfallplan
- EUDI-Wallet und eIDAS 2.0: Was die digitale Brieftasche für Unternehmen bedeutet
